Schluckauf im Labyrinth: THE FLAMING LIPS – Oczy Mlody

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(photo & allrights: THE FLAMING LIPS/Bella Union/Warnerbros Rec./ J. Michelle Martin-Coyne)

° ° °

THE FLAMING LIPS.

Schon allein beim Schreiben des Bandnamens läuft einem eine Ehrfurchtsgänsehaut den Rücken herunter.

Seit gefühlten Jahrzehnten (genau genommen, drei Jahrzehnte plus circa drei und ein bisschen Jahre) konstant dabei und immer wieder für die ein oder andere Überraschung gut, immer wieder mit fast unerträglichem Musikergüssen vertreten, dann wieder merkwürdig eingängig und bizarr, stets aber auf einem gleichbleibend hohen Niveau.

Hier ist sie wieder, die bunt oszillierende Welt des

FLAMING LIPS

-Pops, diesmal weniger Kraut, weniger Jazz, mehr Vocoder, Sprachfetzen, digitalisierte Einschübe in einer verzerrt elektronisch digitalen Irr-Welt.

Die vermeintlich für ungewöhnlich, seltsam, eventuell sogar unmöglich unpassend gehaltene freundschaftliche Gemeinschaft mit Miley Cyrus hat sicher einen Beitrag zu dem uns vorliegenden, neuen Material dieser Bandinstitution, betitelt
Oczy Mlody
beigetragen.
So geht es hier unter anderem um ihren einen verstorbenen Lieblingshund, der auch bereits in Miley Cyrus And Her Dead Petz-Mixtape von 2015 Erwähnung fand.

Man taucht ein und fühlt sich gefangen (nicht befangen), frei, schwebend. Klangbilder den früheren Pubertätszimmertapeten und mutmaßlichen Dorf-Drogentempeln nicht unähnlich tun sich auf und bereiten ihr blubberndes Süppchen, fernab jeglicher Konvention und frei von Zugeständnissen jedweder Art.

Diese mit drei Grammy-Awards ausgezeichnete Band, die stets unberechenbar blieb, legt ein Werk vor, dass in seinem Zusammenhang ein Abtauchen in spacige Sphären anbietete, nicht aber ohne fette purpurschillernde Warnhinweise angebracht zu haben, nach dem Motto: Stets auf eigene Gefahr und niemand haftet für Ihr Wohlergehen.

Sie sind Künstler, deren Interessen weit über die Musik hinausgehen.
Die Live-Umsetzung ihrer Songs ist ein Beispiel für ihre Ideen und Schaffenskraft:
Wenn sie in überlebensgroßen Bällen durchs Publikum rollen, wenn sie wie Außerirdische in fantasievollen Kostümen steckend ihre Darbietung zelebrieren,
dann ist das stets ein Erlebnis, eine multidimensionale Installation.
Im Deutschlandfunk-Interview äußerte Bandleader Wayne Coyne sich in etwa so: „Ich mag diese stillen, ganz auf’s Zuhören und entspannt Herumstehen beschränkten Konzerte nicht. Wenn Du zu einem unserer Auftritte kommst, kannst Du Dir sicher sein, einem großen, wundersamen Erlebnis beizuwohnen.“

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So bekommt man nie das, was man erwartet, nie das, wofür man bezahlt hat sondern eine sonderbare Mixtur, in der einen Sekunde anbiedernd Schmuse-Schönklang, in der nächsten schon verschlungen unheimliche Zerrklänge, hintergründig, wabernd, wie aus einer Zeit, in der die Sonnenblumenfelder noch naturgelb leuchteten und die Kinder vom Bahnhof Zoo noch in die Windeln kackten.

Ein undurchdringliches und wundersam schönes Gewirr: Sowohl musikalisch als auch in ihren Texten wird vieles angerissen, ohne Ende stehengelassen, ein Thriller, dem der Plot entzogen wurde, ein Film, der plötzlich abbricht, eine leere Leinwand.
Natürlich ist dieses gewollte Offenlassen ein Hinhalten, ein Hörer, der in „Hab Acht-Stellung“ zurückgelassen wird.

Dieses Album schlägt kräftig zu, scheint ein phosphoreszierender Hammer.
Kopfhörer auf, Augen zu und los.

° ° °

FLAMING LIPSOczy Mlody
Bella Union, 1/2017

91/100

flaming

 Oczy Mlody
  How
There Should Be Unicorns
  Sunrise (Eyes of the Young)
  Nigdy Nie (Never No)
  Galaxy I Sink
  One Night While Hunting For Faeries And Witches And Wizards To Kill
  Do Glowy
  Listening tothe Frogs With Demon Eyes
The Castle
Almost Home (Bliski Domu)
  We A Family

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Live:
24.1. Berlin, Columbiahalle
31.1. Zürich, Volkshaus

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5 Gedanken zu “Schluckauf im Labyrinth: THE FLAMING LIPS – Oczy Mlody

      1. Alles, was nach „Soft Bulletin“ kam, war mir irgendwie zu verspult.
        „In a Priest Driven Ambulance“ war mir immer die liebste, da waren sie dann irgendwann meilenweit von entfernt.
        „Definitiv ziemlich geil“ hört sich natürlich… ziemlich geil an ;-)) Mal sehen, vielleicht pack ich es demnächst irgendwann.
        Vielen Dank übrigens auch für Deine 2016-Jahresliste, da ist auch noch einiges zum Entdecken dabei. Die großartige Emily Jane White ist mir letztes Jahr z.B. total durchgerutscht, obwohl ich ihre frühen Sachen immer sehr gut fand.
        Liebe Grüße,
        Gerhard

  1. Kinder vom Bhf Zoo, Dorf-Drogentempel. Herrlich. Ich werde sie mir heute Abend dann besorgen. Soll ja die The Terror-Schiene in Weiterführung sein. Find ich gut, sowieso, The Terror ist eines der unterbewertesten Alben der jüngeren Popgeschichte. Und aufs Konzert freu ich mich auch schon riesig…. Guten Wochenstart. Grüsse, Romano

    1. Oh ja, genau das richtig für den Wochenstart.. Zudröhn..
      Ich hatte keinerlei Erwartungen, hab mich einfach überraschen lassen und bin nun ziemlcih begeistert..
      Viel Spaß Dir auch damit, viele Grüße
      Jens

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