Unauslöschlich: MERE WOMEN – Big Skies

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(photos & allrights: MERE WOMEN / Shelley Horan)

° ° °

Du stehst an der Kasse, im Supermarkt, am Samstag vormittag, es ist brechend voll, ebenso Dein Einkaufswagen, hinter Dir schiebt die Oma ständig ihren Wagen in Deine Hacken, auch böse Blicke Deinerseits in ihre Richtung scheint sie kaum zu bemerken und können sie davon nicht abbringen. Du wagst nicht, sie anzusprechen, ihr Hörgerät ist sicher defekt und dann Du hast binnen kürzester Zeit ein Gespräch am Hals und eine Einladung zum Kaffeekränzchen im Kleingartenverein, gleich nachher dann. Zwei Wagen noch vor Dir. Schließlich hast Du unter Auferbietung aller Geschicklichkeit in Höchstgeschwindigkeit und unter Mißachtung des erneut wiederholt schmerzhaften Stupsens von Hinten all Deine Waren auf’s Laufband gelegt, greifst in Deinen Rucksack.. und findest Dein Portemonnaie nicht.
Moooment..
„Guten Tag, waren Sie zufrieden mit Ihrem Einkauf?“
Das Piepen der ersten Waren, die über den Kassenscanner gezogen werden, dringt in Dein Ohr.. „Äh..“
„Probleme?“ Freundliches aber forschendes Lächeln.
„Ich…“
Piep. Piep, Piep..
„Würden Sie dann bitte die Sachen einpacken?“
„Ich.. ich finde mein Portemonnaie nicht, ich befürchte..“
„Wie? Sie haben kein Geld dabei? Kreditkarte?“
„Ich..“
„Das kann nicht wahr sein.“
Die Oma hinter Dir schaut Dich grinsend an.

° ° °

Da, das ist es. Das Gefühl.
Ertappt, nackt, hilflos. Mit dieser insgeheimen Wut. Auf dies und das, auf Dich selbst. Dieses Gefühl einer situativen Machtlosigkeit. Etwas nicht ändern können.
Dieses Kribbeln, diese innere Spannung.

° ° °

Roh, grob, gewalttätig.
Unfertig, ungeschönt, direkt.

MERE WOMEN

aus Petersham/Sydney sind
Katrina Byrne, Amy Wilson, Flyn Mckinnirey und Trisch Roberts.

Sie sind jung, wild, kernig, energiegeladen, sympathisch: Ebenso ihre Musik auf Album Nummer Drei, das auf Poison City Records in der vergangenen Woche erschienen ist.

Ein teilweise brachiales Stück Musik, teilweise so beängstigend nahe gehend, dass einem ganz komisch wird in der Bauchgegnd, so direkt, so kreisend ihre Meldodien. Die sich wiederholenden Refrains (Silver And Gold..) kommen Dir so nahe, dass man manchmal einfach die Augen zu machen möchte und auch nichts hören.
Wie im Fernsehen, wenn eine Dokumentatsion über seltene Krankheiten läuft und man nicht wagt, hinzusehen aber genausowenig die Augen dauerhaft abwenden kann. Und sowieso kann man sich nicht gleichzeitig die Hand vor die Augen legen und die Ohren zuhalten..

Ein Krimi besonderer Güte, eine Fahrt in der Achterbahn der Gefühle, einer Geisterbahn der eigenen Ängste mit denen man sich konfrontiert fühlt.

° ° °

 

 

° ° °
Das sind sie, die unausweichlichen Erlebnisse, die man nie vergißt in ihren ganz eigenen, ganz persönlichen Drangsal, ausweglos scheinend, unauslöschlich eingebrannt in Hirn und Herz.
Auf
Big Skies
demonstrieren

MERE WOMEN

eine konstruktive Eindringlichkeit in nervenaufreibenden Songs. Thematisieren Notlagen, widersprechen, bieten alternative Sichtweisen, beschreiben sie speziell aus der Sicht von Frauen, ihre Nöte, Ängste, soziale und physische Notlagen.

So eine Platte ist das hier.

Hier sitzt man nicht und hört mal entspannt nebenbei zu. Hier wird man gefordert. Und unter Schmerzen ist man gern bereit, zu geben.
Ein Song nach dem anderen kommt über uns.
Erhaben, einzigartig erschafft die Band ihren Sound.
Mit intensiver Kraft, geballt und gebündelt, vereint, selten trudeln ihre Geschichten geradewegs ins Ziel, eher erleben wir noch einen Schlenker mehr, mehr schneidende Gitarren, die die Stimmung fräsen (seltener mal ein tragendes Piano wie in Curse), die sich hineinbohren, drängend, pumpend, einfach mal dazwischenfahren und Amy Wilsons Stimme abzudrängen versuchen, die von Frust und Trauer (Numb) erzählt, von Verlorenheit, dem Gefühl der Angst, der eingeschränkten Haltbarkeitsdatum der Freundschaft, einem fortwährenden Kampf.
Kkein Stehen- oder Steckenbleiben, vielmehr ein Sich-Aufbäumen, fesseln und nur langsam lösen.
Ein Nach Luft schnappen, ein Salz in die brennende Wunde streuen.

 

meredog.jpg

T-Shirts, Pins, Einkaufstäschchen. Hier: Mere Women Bandcamp Merch

° ° °

99/100

MERE WOMENBig Skies
Poison City Records / Cargo 16.6.2017

 

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 Eternally
Silver and Gold
 Birthday
 Big Skies
 Curse
 Drive
 Visitor
Is This Real
 Come Back
 Numb
Tin Rooves
 Wanderer

° ° °

 

Für Besteller aus Deutschland, Österreich, Schweiz etc.:
Die Portokosten aus Australien sind recht hoch, absolut empfehlenswert daher ein Bezug über Finest Vinyl: MERE WOMEN – Big Skies // Finest Vinyl

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You are at the checkout in the supermarket on Saturday morning, it is packed, as well as your shopping trolley, the grandma behind you constantly pushes her trolley into your hoes, even angry looks in her direction she hardly seems to notice and can’t even make her stop doin so. You do not dare to speak to her, her hearing aid is definitely broken and then you have a conversation at the neck and an invitation to the coffee shop in the Kleingartenverein at her arbor, immediately afterwards your shopping is done.
Two persons still in front of you. After all, you have put your goods on the treadmill  with all the skill and speed, and in spite of the repeated painful kick from the back, reach your backpack .. and do not find your wallet.
..just.. a moment ..
„Good afternoon, were you satisfied with your purchase?“
The beeping of the first goods, which are pulled over the scanned desk, penetrates into your ear ..
„Erh ..“
„Problems?“ Friendly but researching smile.
„I…“
Beep. Beep beep..
„Would you pack the things, please?“
„I … I can not find my purse, I’m afraid ..“
„How do you have any money? A credit card?“
„I..“
„This can not be true.“
The grandmother behind you looks at you with a grin.

° ° °

There, that is it. This feeling.
Arrested, naked, helpless. With this secret rage. To this and that, to yourself.
This feeling of a situational impotence.
Something can not change.
This tingling sensation, this inner tension.

° ° °

Raw, coarse, violent.
Unfinished, unshaded, direct.

MERE WOMEN

from Petersham / Sydney
Katrina Byrne, Amy Wilson, Flyn Mckinnirey and Trisch Roberts.

They are young, wild, stingy, energetic, likeable: Like their music on album number three, which was released on Poison City Records last week.

A partial brachial piece of music, partly so approaching so close that there is just a  quite strange feeling in the belly, so directly, so circling their melodies.
The repeated reflections (Silver And Gold ..) come so close to you that you sometimes just want to close your eyes and hear nothing.
Like on TV, when a documentary about rare diseases is running and you don’t dare to look, but can’t quite blindly turn the eyes permanently.
And anyway you can not put your hand in front of your eyes and keep your ears in the meantime.

A thrill of special kindness, a ride in the roller coaster of emotions, a ghost train of your own fears with which one feels confronted.

These are the unavoidable experiences which no one ever forget in their own personal tribulations, seemingly hopeless, ineffectually burned into the brain and into everyones heart.

On
Big Skies
demonstrate
MERE WOMEN

a constructive urgency in nerve-racking songs. Songs of distress, contradict, shown possibilities an alternative visions, describe them specifically from the point of view of women, their needs, fears, social and physical plight.

It’s that kind of a record.

You do not sit and listen to relaxed by the way.
Attention is required. And under pain you’re willing to give.
One song after another comes over us.
Sublime, unique, the band creates their sound.
With intense power, clumped and bundled together, their stories rarely drift straight into the goal, rather we experience a dither, more cutting guitars (more rarely a supporting piano as in Curse), which drill in, urgently trying to intervene and try to push away Amy‘s voice, which tells of frustration and mourning (Numb), of lostness, the feeling of fear, the limited durability date of friendship, a continuing struggle.
Do not stand or get stuck, but rather a rebellion, bind and slowly release.
A gasping for air, twisting the knife and rub some salt in the wound.

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