Da ist so ein Kribbeln in der Magengegend: TESS ROBY – Beacon

 


(photo & alrights: TESS ROBY / Ryan Molnar / fb)

° ° °

Mancher Song haut einem dermaßen in den Magen, dass einem vor lauter Geschwurbel ganz komisch wird.
Manch Stimme tut da ihr übriges.

TESS ROBY

hat mit Beacon (gerade erschienen in digitaler Form, die physische Veröffentlichung folgt in Kürze bei Italians Do It Better) ein Stückchen klanglichem Wohlklangs gezaubert und präsentiert es uns hier nun in einzelnen Häppchen appetitanregend und wohltuend.

Catalyst ist so ein Song.

2015 ist Robys Vater verstorben.
Die hier versammelten Songs sind nach seinem Tod entstanden und in jedem einzelnen schwingt die Erinnerung und die Vergangenheit mit.
Ihre spezielle Tonart, die exakt wirkende Inszenierung ihres Gesangs ließe die Vermutung zu, hier sei eine kühle, berechnende Frau am Werk.

Das Gegenteil ist der Fall.
Die Songs sind gezeichnet in detaillierter Feinarbeit, schrecken nicht davor zurück, direkt in die Gegenwart spielende Teile der Vergangenheit anzusprechen, zu verarbeiten und in den Alltag zu integrieren.

Dennoch schleicht sich eine gewisse Wehmut ein. Die Erinnerungen wiegen schwer, sind doch zu den Aufnahmen die Instrumente ihres Vaters zu einem Nachtodeinsatz gelangt.

Im Kontrast zu ihrer oft in Overdub-Samples eingespielten Stimme stehen die warm wirkenden Synthies wie ein Laubberg, in den man sich fallen lassen möchte – nicht ohne jedoch vorher nach Ungeziefer Ausschau zu halten.
Stimmliche Assoziationen mit Niko scheinen mir etwas arg weit hergeholt, jedoch verfügt

TESS ROBY

über eine durchaus einnehmende und unverkennbare Präsenz, die als Unterscheidungsmerkmal zu andern Electro-Avantgarde-Künstlerinnen auf der Habenseite zu verbuchen ist.  Die Stimmung ist ähnlich knackig, teils brüchig und mysteriös, in seiner Unterkühltheit und mittels ähnlicher Stilmittel fesselnd wie die ebenfalls kürzlich veröffentlichte Scheibe des Hamburger Duos Krakow Loves Adana.

In teils elegisch-melancholischem Klang gefangen, fühlt man sich ein wenig weggeträumt von dieser Welt, die verspielt und gekonnt platzierten Gitarren spielen ihre Rolle großartig und ergänzen die vielmals minimalistisch anmutenden synthetischen Klänge bestens. Abstrakt, vielfach mit Drum-Machine hinterlegt scheint sie in einer eigenen Welt (gefangen) und schafft mit Lo-Fi-Zutaten in ihren wohltemperierten und nachdenklich stimmenden Kunstwerken sozusagen einen eigenwilligen Gegenentwurf zur angesagten Popkultur.

Sie wirkt verklärt und weise, fesselt durch einfache Klangfolgen, die sich ineinander verhaken und verstricken, sich vor uns aufbauen und in unerreichbare Höhen streben um uns im nächsten Moment aufzufangen in einer intimen Struktur aus Melancholie und Schmerz.

° ° °

94/100

TESS ROBYBeacon
Italians Do It Better, 20.4.2018

Given Signs
Ballad 5
Catalyst
Plasticine Hills
Beacon
Tripling
Air Above Mirage
Borders

 

 

 

// in english:

Tingling In The Stomach

Many a song hits you so hard in the stomach that you get really weird with all that buzzing.
Some voices do the rest.

TESS ROBY

has created with
Beacon
(just released on Italians Do It Better) a piece of sonic well-being and now presents it to us here in individual appetizing and pleasant appetizers.

Catalyst is such a song.

Rory’s father passed away in 2015.
The songs gathered here were written after his death and in each one you find the place for memory and the past resonate.
Her special key, the exact staging of her singing, suggests that a cool, calculating woman is at work here.

The opposite is the case.
The songs are drawn in detail, do not shy away from directly addressing parts of the past that play into the present, to process them and to integrate them into everyday life.

Nevertheless, a certain nostalgia creeps in. The memories are heavy, as her father’s instruments were used for the recordings for a night-death mission.

In contrast to her voice, which is often recorded in overdub samples, the warm synthies stand like a mountain of leaves into which you want to fall – but not without looking out for vermin beforehand.
Vocal associations with Niko seem a bit far-fetched to me, but

TESS ROBY

 has an engaging and unmistakable presence, which can be seen as a distinguishing feature from other electro avant-garde artists on the credit side. The atmosphere is as crisp, partly fragile and mysterious, subdued and captivating with similar stylistic devices as the album by the Hamburg duo Krakow Loves Adana, also recently released.

Trapped in a partly elegiac-melancholic sound, one feels a little dreamy away from this world, the playful and skilfully placed guitars play their role brilliantly and complement the often minimalistic synthetic sounds perfectly. Abstract, backed with drum-machine  she seems to be trapped in her own world and, with Lo-Fi ingredients in her well-tempered and thought-provoking works of art, she creates, so to speak, an unconventional counter-draft to popular culture.

These songs seem transfigured and wise, captivate through simple sound sequences that get caught and entangled, build up in front of us and strive for unattainable heights to catch us in the next moment in an intimate structure of melancholy and pain.

 

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